Sylvia Schöningh

 

 

Seelenknoten

Erzählungen

 

 

2007. 120 Seiten.

Paperback € 9,80 (D). SFr 17,90.

ISBN 978-3-8301-1048-4. Warengruppe 1110.

 

 

 

 

Ausgesetzt »auf den Bergen des Herzens« sind die Frauenfiguren dieses Erzählbandes. Ihre Lebensträume werden zerstört, sie werden verlassen, sie gehen durch die dunkle Nacht der Seele. – Und dennoch, vielmehr gerade weil sie mit klarem Blick durch ihre Lebensdramen gehen, sind ihre Stimmen von einer Authentizität und Lebendigkeit, die Mut machen soll, sich auf das Wagnis Leben einzulassen.

 

 

 

Mein Annus Mirabilis

 

 

1963, als ich dreizehn wurde und die Beatles

ihr Love me do

durch den Äther schickten,

schrie meine Mutter, mach das Radio aus,

und da wusste ich, dass die Welt begann.

 

1963, da zertanzte ich mir zum ersten Mal die

Schuhe und ich rief

Fuck you und euer behäkeltes Klopapier!

Ich bin ich und ich bin jung und gehöre einer neuen Zeit!

 

1963, das war das Ende der Lüge für mich,

das Ende der Schuldzuweisungen hinter

vorgehaltener Hand,

das Ende der Heuchelei, das Ende des verlogenen

Priesters im Beichtstuhl.

 

1963, da schrie ich meine Mutter an, du lügst,

und knallte die

Tür mit Lust

Und sang mein Lied ganz allein hinauf zu den Sternen.

Die schienen nur für mich und ich begrüßte die neue Welt,

die mein war.

 

1963, da zerriss ich mir meine erste Jeans und

durch die Risse

floss warme Frühlingsluft und gab mir eine

Ahnung von den vielen Händen, die mich berühren

sollten, dort und anderswo.

 

1963, da floss mir das erste Blut aus meinem

warmen Schoß

und mit ihm die Lust auf eigenes Leben,

auf Frausein und auf tausend Arme, die meinen Körper

umschlingen würden –

Lust auf Unendlichkeit.

 

1963, da schlüpfte der Schmetterling aus seinem

Kokon und

spannte die Flügel aus und flog zu dir.   

  

Geliebtes Leben.

 

 

 

Über die Autorin:

 

 

 
 


 

 

 

Sylvia Schöningh, geboren 1949 in Kassel, lebt in Frankfurt am Main und London.

 

Aufgewachsen im Deutschland der muffigen 1950er Jahre; den Stacheldraht, der das andere Deutschland von dem ihren abtrennte, mit Blick aus dem Fenster stets vor Augen, ergeben sich die Themen der Autorin ganz von selbst. Es sind die des stürmischen In-Frage-Stellens von inneren wie äußeren Begrenzungen sowie die Suche nach neuen, vor allem aber authentischen Erfahrungen jenseits verlogener Konventionen.

 

Im heißen Sommer 1968 das Studium der Psychologie, Literaturwissenschaft und Politik in Marburg und Berlin antretend, wird sie streitbares Mitglied der Studentenbewegung und veröffentlicht zusammen mit Reinhart Kühnl und anderen Studenten eine ideologiekritische Auseinandersetzung mit deutschen Geschichtsbüchern. Von 1976 bis 1986 arbeitet sie als engagierte Lehrerin an einem Frankfurter Gymnasium, stets das Lernziel des selbständig denkenden, mündigen Bürgers vor Augen.  In der Arbeit mit ihren Schülern entdeckt sie das kreative Potential des freien Theaterspiels, eine Erfahrung, die schließlich zum Zweitstudium der Theaterpädagogik an der Hochschule der Künste in Berlin führt. Und das Theater und insbesondere ihre Liebe zu Shakespeare sind es auch, die sie Ende der Achtziger Jahre nach London führen. Dort wird sie Mitglied einer Theatergruppe, verliebt sich in die englische Sprache sowie in einen Engländer und wird Mutter zweier Kinder. Die Erfahrung der eigenen Kinder inspiriert sie, Kindertheaterstücke zu schreiben und diese in Londoner Schulen und Art Centres zur Aufführung zu bringen. Außerdem betreibt sie ein eigenes Puppentheater.

 

Anfang des neuen Jahrtausends kommt es zu einer wachsenden Entfremdung gegenüber England unter New Labour, die schließlich zu einer schweren persönlichen Krise und zur Rückkehr nach Frankfurt führt.  Hier arbeitet sie im Galli-Theater als Trainerin, Schauspielerin und Märchenerzählerin nach dem Motto: Nur im Spiel ist der Mensch wirklich! Außerdem arbeitet sie als ausgebildete Psychosynthese Therapeutin mit Klienten nach der Methode des italienischen Psychiaters Roberto Assagioli, wonach dem Menschen alle Potentiale innewohnen, die er braucht, um ein erfülltes Leben zu führen.

 

Auf den vielfältigen Feldern ihrer Tätigkeit will sie vor allem eines zeigen: Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen.

 

 

                              Sylvia Schöningh